Pressemitteilung Nr. 15/2026
Emmendingen, den 27.03.2026
Vom Kanal zum Biotop – wie Fließgewässer revitalisiert werden können
Wie können Fließgewässer in der Region kostengünstig, unbürokratisch und schnell ökologisch aufgewertet werden, und wie kann solch eine Aufwertung aussehen?
Um sich zu diesen Fragen auszutauschen, kam Umweltstaatssekretär Dr. Andre Baumann MdL auf Einladung von Rüdiger Tonojan MdL in den Landkreis Emmendingen. Bei Ortsterminen auf den Gemarkungen Bahlingen, Riegel und Teningen begutachteten die Politiker zusammen mit Finn Zenker vom NABU Baden-Württemberg verschiedene Fließgewässer. Begleitet wurden sie dabei von Dr. Martin Schreiner, Stefan Schill, Jens Dünnebier und Friederike Kadenbach (alle Landratsamt Emmendingen) und den Bürgermeistern und Vertreter*innen der Gemeindeverwaltungen bei den Treffpunkten auf den jeweiligen Gemarkungen.
Intakte Fließgewässer gehören zu den artenreichsten Lebensräumen überhaupt. Wechselnde Strömungen, Uferstrukturen, Kolke, Totholz und Überschwemmungsbereiche bieten Lebensräume für zahlreichen Tier- und Pflanzenarten. Diese gehen jedoch verloren, wo Flüsse und Bachläufe kanalisiert und begradigt wurden. Im Landkreis Emmendingen, wo Elz und Glotter kilometerlang geradeaus fließen, ist das wie überall in Südbaden gut zu sehen.
Die großen Renaturierungsprojekte entlang der Elz, wie in Kollnau oder Köndringen zeigen, dass sich der Prozess auch umkehren lässt. Werden die Gewässer revitalisiert, also in einen naturnäheren Zustand versetzt, erholt sich nicht nur die Artenvielfalt deutlich, auch der Hochwasserschutz wird verbessert. Aber auch kleinere Gewässer zweiter Ordnung wie die Glotter, der Brettenbach und die vielen kleinen Bäche im Kreis bergen ein großes Potenzial, im Rahmen der Gewässerunterhaltung vom reinen Wasserlauf zum wertvollen Biotop zu werden.
Die Europäische Wasserrahmenrichtlinie verpflichtet die Mitgliedsstaaten der EU, Oberflächengewässer und Grundwasser in einen guten Zustand zu versetzen. Für die Gewässer erster Ordnung, dazu gehören beispielsweise der Rhein und der Unterlauf der Elz, ist das Land zuständig.
Für kleinere Flüsse und Bäche, Gewässer zweiter Ordnung, sind Städte und Gemeinden verantwortlich. Große Maßnahmen sind genehmigungspflichtig, kleine können ohne formelle Genehmigung im Rahmen der Gewässerunterhaltung umgesetzt werden.
Wie so eine Revitalisierung gelingen kann, konnten Rüdiger Tonojan und Andre Baumann an der Glotter in Bahlingen sehen. Bürgermeister Harald Lotis und Dominik Hug (Gemeinde Bahlingen) nahmen die Gruppe in Empfang und stellten das Renaturierungsprojekt gemeinsam mit den Vertreter*innen des Landratsamts vor. Die Glotter wurde hier stellenweise verengt, das Ufer abgeflacht und bekam durch Einbringung von Totholz mehr Strömungsvielfalt. Die Flächen in der Umgebung sind ein Teil der Kompensationsmaßnahmen für den Freiburger Stadtteil Dietenbach. Gemeinsam mit den auf diese Weise gewonnenen Freiflächen bietet der Fluss nun Lebensräume z.B. für Vögel und Insekten. Diese nehmen das gerne an: Eisvogel, Gänsesäger und Kiebitz, seien bereits gesichtet worden, ebenso wie rastende Kraniche, Bekassinen oder Schwarzstörche berichtete Stefan Schill (Naturschutzbehörde, LRA Emmendingen). „Maßnahmen, perfekt umgesetzt, wie diese, führen zu vitalen Gewässern und leisten einen wichtigen Beitrag für die Biodiversität. Auch der Hochwasserschutz wird gestärkt, eine Win-Win Situation für Mensch und Natur“, zeigte sich Andre Baumann begeistert.
Weiter ging es in Riegel: Begleitet von Bürgermeister Daniel Kietz, Bauamtsleiterin Celine Weidler und Bernd Walser, der fürs Regierungspräsidium Freiburg die Gewässernachbarschaft im Landkreis Emmendingen betreut, wurden bereits durchgeführte Revitalisierungsmaßnahmen am Wässerungskanal und Feuerbach besichtigt. Es wurde ausführlich darüber diskutiert, welche bürokratische Hemmnisse für solche Maßnahmen abgebaut werden können. Dadurch könnte die Umsetzung solcher Maßnahmen deutlich beschleunigt werden – denn die Kommunen stünden klar zu ökologischen Maßnahmen an Gewässern, hätten aber mit großen Hürden, wie beispielsweise dem Vergabe- und dem Planungsrecht zu kämpfen, wie Bürgermeister Kietz betonte.
„Aufwertung kommunaler Gewässer im Rahmen der Gewässerunterhaltung ist die kosteneffizienteste Möglichkeit um die Ziele der Wasserrahmenrichtlinie zügig umzusetzen“, so Finn Zenker (NABU).
In Teningen besichtigte die Gruppe schließlich ein Gewässer mit großem Potenzial für ökologische Maßnahmen: Dieses fließt ohne Beschattung geradeaus, sein Ufer ist steil und mit Brombeeren überwuchert. Mit Bürgermeister Berthold Schuler, Bauhofleiter Rolf Bergmann und Holger Weis (Umweltbeauftragter) wurden die Hindernisse der Revitalisierung solcher Gewässer angesprochen, wie zum Beispiel fehlende Flächen und knappe Gelder. Finn Zenker (NABU) wies darauf hin, dass im Rahmen der ökologischen Gewässerunterhaltung viele Maßnahmen relativ unbürokratisch und mit geringen Kosten und hohem Benefit für Gewässer und Menschen umgesetzt werden könnten, allerdings immer auch unter Wahrung des Hochwasserschutzes wie die Vertreter der Unteren Wasserbehörde des Landratsamtes ergänzten.
In der Abschlussrunde erkundigten sich Rüdiger Tonojan und Andre Baumann bei den Vertreterinnen und Vertretern der Gemeinden und des Landratsamts nach ihren Erfahrungen mit den bestehenden Regelungen. Gemeinsam wurden Möglichkeiten zur Verbesserung und Vereinfachung von Genehmigungsverfahren erörtert.
Rüdiger Tonojan MdL bedankte sich für den intensiven und offenen Austausch und betonte, wie wichtig es sei, mit allen Beteiligten in den Dialog zu kommen: „Die ökologische Aufwertung von Gewässern ist eine große und wichtige Aufgabe für Arten-, Klima- und Hochwasserschutz sowie für Freizeit und Tourismus. Nur gemeinsam mit allen Ebenen von Politik und Verwaltung können pragmatische Lösungen gefunden werden, die eine schnelle Umsetzung der Wasserrahmenrichtlinie ermöglichen.“, so der Abgeordnete. Er bot an, auch an anstehenden Begehungen und Gesprächen mit lokal betroffenen Landwirten teilzunehmen.