Pressemitteilung Nr. 30/2026
Emmendingen, den 03.08.2026
Die Diskussion um die künftige Ausgestaltung des Polders Wyhl/Weisweil reißt nicht ab: Immer wieder wird gefordert, dort die sogenannte Schlutenlösung zu bevorzugen. Um diese Debatte mit fundierten Erfahrungswerten unterfüttern zu können, hat der Emmendinger Landtagsabgeordnete Rüdiger Tonojan (Bündnis 90/Die Grünen) Experten des Regierungspräsidiums (RP) Freiburg zu einem Vor-Ort-Termin in den Polder Altenheim eingeladen.
Dort wird bereits seit Ende der 1980er-Jahre die ökologische Flutung praktiziert – mit dem Ergebnis, dass sich sukzessive wieder ein Auenwald entwickelt hat. Die Erfolge, so der Eindruck Tonojans, sprechen für sich.
Vom RP Freiburg begleiteten Harald Klumpp, zuständig für das Integrierte Rheinprogramm (IRP), Biologe Siegfried Schneider, der die Artenvielfalt in der neu entstehenden Aue untersucht, sowie Manuel Winterhalter, Abteilungsleiter Umwelt beim RP, den Termin. Mit dabei war auch Tonojans Landtags-Kollegin Stefanie Wernet (CDU). Im Laufe des Rundgangs stieß Revierförster Hepfer dazu, der aus Sicht Tonojans äußerst wertvolle Informationen beisteuern konnte: Er bewirtschaftet den Wald im Polder seit rd. 37 Jahren und ist von der ökologischen Flutung im Polder Altenheim überzeugt.
Der Polder Altenheim wurde vor beinahe 40 Jahren errichtet; seit rund 37 Jahren laufen hier regelmäßige ökologische Flutungen. Der Polder ist Teil eines größeren Systems: Neben zwei Poldern in Frankreich sind mit dem Integrierten Rheinprogramm in Deutschland 13 Rückhalteräume vorgesehen. Ziel der Ökologischen Flutungen ist es, Hochwasserschutz und die Wiederherstellung von Auenlandschaften miteinander zu verbinden – keine Alternative zueinander, sondern zwei Seiten derselben Medaille.
Bei einem Besuch der grundwassergespeisten Gießen zeigte sich Tonojan ein glasklares Gewässer mit wenig Sauerstoff und Nährstoffen. Diese Gießen sind wichtig für die Artenvielfalt im Polder; ihr Erhalt wird durch den Betrieb des Polders gefördert. Über die letzten Jahrzehnte wurden mehrere Gutachten zur Entwicklung von Flora und Fauna im Polder erarbeitet. Diese werden derzeit von Fachleuten in der Gesamtschau aufbereitet und anschließend veröffentlicht, hieß es von Seiten des RP. Rechtlich sei die ökologische Flutung mit der heutigen Umweltgesetzgebung keine Option, sondern eine Verpflichtung: Sowohl gerichtliche Entscheidungen als auch das Bundesnaturschutzgesetz bestätigten diese Notwendigkeit.
Besonders eindrücklich waren die Schilderungen von Förster Hepfer. Er verwies darauf, dass der Polder in Altenheim bereits seit Ende der 1980er-Jahre, also nur rund 20 Jahre nach dem Staustufenbau, regelmäßig bei Hochwassereinsätzen und Ökologischen Flutungen durchströmt wird – anders als an Standorten, wo Polder erst jetzt neu errichtet werden. Dort habe sich in der langen hochwasserfreien Zwischenzeit ein auenferner Wald mit hochwasserempfindlichen Baumarten entwickelt, der durch die Flutungen geschädigt wird und in tieferen Lagen verloren gehe.
Der Bergahorn wird in einem regelmäßig überfluteten naturnahen Auenwald in die oberste Hartholzaue zurückgedrängt, da er nicht überflutungstolerant sei – geschädigte Bäume konnte der Förster Tonojan direkt zeigen. Stattdessen setzt Hepfer bei der extensiven Bewirtschaftung des Hartholzaue-Waldes auf truppweise gepflanzte Baumarten wie Stieleiche, Flatterulme, Schwarznuss oder Feldahorn. Aus solchen Gruppen kristallisiere sich über die Jahre jeweils ein sogenannter Zukunfts-Baum heraus, der später wirtschaftlich genutzt werden könne. Langfristiges Ziel ist ein Eichenmischwald, der sich über das extensive Vorgehen auch wirtschaftlich tragen lässt. Theoretisch würde sich über die natürliche Sukzession im Polder eigentlich ein Eschen-Ulmen-Wald einstellen, doch sind diese Baumarten aufgrund hoher Mortalität wegen Feldulmen- und Eschensterben derzeit wirtschaftlich nicht nutzbar.
Rund 25% der Wälder im Polder Altenheim sind als Wildnisareale ausgewiesen, wo keine Holznutzung stattfindet. Es handelt sich um Grenzertragsstandorte und um ökologisch sehr hochwertige Prozessschutzflächen. Der Ertrag dieser Flächen bemisst sich in Ökopunkte.
Finanziell flankiert wird die Waldbewirtschaftung in Neuried durch die Teilnahme an einem Klimamanagement-Förderprogramm des Bundes, das für einige Zeit zusätzlich 100 Euro pro Hektar einbringt. Für Hepfer steht fest: Nur mit ökologischen Flutungen könne im Polder Altenheim ein artenreicher, hochwassertoleranter Auenwald entstehen – mit vergleichsweise geringem Bewirtschaftungsaufwand.
Der Polder Altenheim gehört zu den ältesten Hochwasserrückhalteräumen am Oberrhein. Die beiden Teilräume wurden bereits 1977 planfestgestellt und gingen nach einem Probebetrieb im März 1987 in den regulären Betrieb über. Begrenzt wird das Gebiet im Westen von der Stauhaltung Straßburg und im Osten vom Rheinhauptdamm. Flächen, die vor 1970 bei Hochwasser regelmäßig überströmt wurden, werden heute forst- und landwirtschaftlich genutzt. Das Einlassbauwerk liegt bei Rheinkilometer 278,4 in der staugeregelten Rheinstrecke; die Stauziele betragen im nördlichen Polder I 146,60 Meter über Normalnull und im südlichen Polder II 149,60 Meter über Normalnull.
Seit 1989 wird die Anpassung von Tier- und Pflanzenwelt an die Überflutungsverhältnisse – nach negativen Erfahrungen der ersten Überschwemmungen – gezielt durch ökologische Flutungen unterstützt. Der Planfeststellungsbeschluss zur unbefristeten Durchführung dieser Flutungen datiert vom 20. Dezember 2013. Insgesamt umfasst der Polder eine Fläche von 520 Hektar zwischen Rheinkilometer 284,0 und 290,2 und verfügt über ein maximales Retentionsvolumen von 17 Millionen Kubikmetern.
Zum eigentlichen Hochwasserschutz kam der Polder bislang mehrfach zum Einsatz: im März 1988, im Februar 1990, im Februar und Mai 1999, im Mai/Juni 2013 sowie zuletzt im Juli 2021. Seit 1989 wurden zudem insgesamt 213 ökologische Flutungen durchgeführt (Stand Ende 2025).
Für Rüdiger Tonojan lieferte der Besuch in Altenheim wichtige Erkenntnisse für die weitere Debatte um den Polder Wyhl/Weisweil: Die langjährige Praxis zeige, dass ökologische Flutung, eine wirtschaftlich tragfähige Forstwirtschaft und eine touristische und Freizeitnutzung keine Widersprüche sein müssen – auch wenn der Wandel von einem auenfernen zu einem hochwassertoleranten Wald für die beteiligten Försterinnen und Förster durchaus mit Einschnitten verbunden sei. Die Erfahrungen aus fast vier Jahrzehnten ökologischer Flutung im Polder Altenheim sollen in weitere Gespräche zur Gestaltung des Polders Wyhl/Weisweil einfließen.